Jeder kennt das Fairtrade-Siegel auf der Kaffeepackung. Ob im Supermarkt oder in der Rösterei nebenan –überall verfolgt einen das heilige Zeichen gegen schlechtes Gewissen. Es ist beinahe so als sagte es einem: "Du weißt, wie schlecht es den Leuten vor Ort geht. Du weißt, was für eine harte Arbeit das ist. Bist Du Dir sicher, dass Du einen angemessenen Preis zahlst?"

Fairtrade-Kaffee: Absatz steigt

Das Geschäft mit dem schlechten Gewissen läuft gut. Mehr als gut sogar: Seit Jahren steigen die Absatzzahlen für Fairtrade-Kaffee rasant, wobei die Bohnen auch innerhalb der Fairtrade-Familie Spitzenreiter sind. Im Jahr 2013 wanderten im Bundesgebiet insgesamt 11.000 Tonnen Fairtrade-Kaffee über den Ladentisch. Damit lag der Marktanteil bei überschaubaren 2%, doch wuchs das Ablass-Geschäft um satte 23% im Vergleich zum Vorjahr.

Auf die Frage, welchen Mehrpreis Kaffeetrinker für eine Tasse Fairtrade-Kaffee zu zahlen bereit wären, ergab sich laut einer amerikanischen Studie ein Mittelwert von 50 US-Cent. Schätz mal, wieviel pro Tasse beim Bauern hängen bleiben?

So funktioniert das Prinzip Fairtrade-Kaffee

Der wohlhabende Verbraucher hierzulande zahlt beim Einkauf einen Mehrpreis auf Kaffee mit Fairtrade-Siegel. Der hart schuftende Kaffeebauer am anderen Ende der Welt erhält seinen fairen Lohn plus ein kleines Extra. Preislich lässt sich das für uns leicht verschmerzen und an der Kasse kann man dem umstehenden Gesindel zu verstehen geben: "Ganz recht, ich kümmere mich um das Leid in der Welt."

Wie wird aus einem Siegel Geld? #1

Diese Überschrift setzend muss ich wegen der enthaltenen Doppeldeutigkeit genüsslich in mich heineinschmunzeln. Doch beim Thema bleibend: Der von uns an der Kasse gezahlte Mehrpreis geht tatsächlich in Richtung der Erzeugerländer. Die Kaffeebauern erhalten nämlich einen Mindestpreis für ein Pfund Fairtrade-Kaffee. Dieser Mindestpreis bewahrt die Kaffeebauern davor, von den Unwettern an der Kaffeebörse – oder eben echten Unwettern betroffen zu werden. In beiden Fällen wären sie für die abgegebene Menge Fairtrade-Kaffee mit einem eventuell höheren Preis finanziell abgesichert. Liegt der Börsenpreis über dem Fairtrade-Preis, erhalten sie natürlich den Börsenpreis. Klingt soweit gut.

Wie wird man Lieferant für Fairtrade-Kaffee?

Um als Erzeuger den eigenen Kaffee als Fairtrade deklarieren zu dürfen, bedarf es lediglich der Zertifizierung. Diese kostet auch nur 525 Euro Antragsgebühr. Zuzüglich einer kaum nennenswerten Erstzertifizierungsgebühr von 2250 Euro. Einmalig versteht sich, allerdings leider jedes Jahr.

Moment mal sagt, sagt sich der aufmerksame Leser, ging es hier nicht um die Unterstützung armer Menschen aus mitunter bettelarmen Erdengegenden?

Diesen Missstand prangern immer mehr Fachkundige an. Unter ihnen ist auch Bruce Wydick, Professor an der Universität San Francisco. In seinem Buch "The Taste of Many Mountains" behandelt er das Leben von Kaffeebauern und beschreibt die Einflüsse von Fairtrade. In seinem Beitrag, der in der Huffington Post erschien, nennt er 10 Gründe, warum Fairtrade-Kaffee nach jetzigem Format im besten Fall keinen Mehrwert bringt.

Die wichtigsten 3 Gründe gegen Fairtrade-Kaffee

1.) Der Systemfehler

Studien zeigen, dass bei einem fallenden Börsenpreis  mehr Kaffeebauern ihr Heil unter dem Dach des Fairtrade-Mindestpreises sehen. Sie lassen sich zertifizieren und erhalten den garantierten Abnahmepreis, der über dem Börsen-/ Marktpreis liegt.

Das Problem: Da sich durch die "Schwarmbewegung" die Menge an Fairtrade-Kaffee erhöht, die Nachfrage im besten Fall gleich bleibt, reduziert sich für jeden Kaffeebauern der Genossenschaft die abführbare Menge Fairtrade-Kaffee. Für jeden bleibt also ein kleineres Stück vom Kuchen – für den aber jeder den gleichen (vollen) Zertifizierungspreis gezahlt hat.

In der langen Frist nähern sich laut Wydick Zertifizierungskosten und Mehreinkünfte immer mehr an und zeigen in einigen Ländern bereits kaum mehr als die schwarze Null.

2.) Fairtrade und die Bohnenqualität

Nehmen wir mal an, ein Erzeuger habe zwei Säcke Kaffee und sei zertifiziert.

  • Sack 1: Bohnen besonders guter Qualität
  • Sack 2: Bohnen von minderer Qualität

Jeder von uns würde sagen: Astrein, Sack 1 verkaufe ich wegen der besonderen Güte zu Börsenpreisen. Sack 2 schicke ich zu Fairtrade, da bekomme ich wegen des Mindestpreises ja mehr dafür, als er eigentlich wert ist. Leider scheint dies Teil der gängigen Praxis zu sein.

Problematisch an der Sache ist vor allem, dass Verbraucher darüber irgendwann Bescheid wissen und aus diesem Grund Fairtrade-Kaffee meiden. Das wäre ja eigentlich schade, da die Idee an sich ja etwas Feines hat.

3.) Verteilung von Reich zu Arm funktioniert nicht

Auch wenn mithilfe von Fairtrade-Kaffee die Unterstützung der ärmsten Kaffeebauern gewährleistet, soziale Vorsorge gefördert und einfach der faire Preis gezahlt werden soll, scheinen belegbare Erfolge kaum aufzeigbar zu sein. Eine Studie der Harvard-Universität dokumentiert ausführlich, dass vor allem Farmbesitzer und gut ausgebildete Kaffeebauern  profitieren. Plantagenarbeiter, deren Familien oder kleinere Kaffeebauern bleiben auf der Strecke. Wydick bemängelt zudem, dass nur 10% des vermarkteten Fairtrade-Kaffees aus den ärmsten Ländern stammen. Obwohl Äthiopien, Kenia und Tansania eigentlich besonders gefördert werden müssten, stehen sie weit hinter den Produzenten aus Mittel- und Südamerika.

Mein Fazit zu Fairtrade-Kaffee

Ich habe bislang nicht wirklich darauf geachtet, ob ein Kaffee Fairtrade ist – von nun an werde ich es tun. Die Recherche zu diesem Thema hat mir mächtig die Lust verdorben und ich werde von nun an einen weiten Bogen um dieses Siegel machen. Vielmehr werde ich von nun an mehr auf hochwertigen und kostspieligen Kaffee achten und gerne bereit sein für eine gute Ernte mehr zu zahlen.

Wie wird aus einem Siegel Geld? #2

Erinnerst Du Dich noch an obiges Experiment und die folgende Frage:

Wieviel würden Kaffeetrinker laut einer Umfrage mehr für eine Tasse Kaffee ausgeben, wenn diese Fairtrade-zertifiziert ist? 50 US-Cent

Wieviel bleibt beim Bauern vor Ort zusätzlich hängen, wenn er Fairtrade-zertifiziert ist? 0,3 US-Cent.